Ein Einkaufstag.

Wie jeden Donnerstag, so fuhren wir auch an Diesem zusammen ins Einkaufszentrum, um unsere Wochenendeinkäufe zu erledigen und nebenbei noch ein bisschen bummeln zu gehen – meine Schwester und ich.

Und wie jeden Donnerstag war es auch heute wieder voll, da wir nicht die einzigen waren, die diesen Tag als ihren Einkaufstag auserkoren hatten. Aber das störte uns nicht. Wir hatten Zeit und nachdem wir die Besorgungen für unsere Familien gemacht hatten, suchten wir unser Lieblingskaffee auf, gönnten uns ein leckeres Stück Kuchen und beobachteten die Menschen, die an uns vorbeizogen.

Während des Gesprächs wurde meine Aufmerksamkeit von einem immer wiederkehrenden Geräusch gestört. Es hörte sich wie ein Knacken an und ich schaute mich um, um die Ursache des Geräusches festzustellen. Meiner Schwester fiel meine Unaufmerksamkeit nun auch auf. „Was ist denn?“ fragte sie. „Hm, ich weiß es nicht. Ich höre immer so ein komisches Geräusch – wie ein Knacken. Hörst du das auch?“ Wir lauschten beide, doch das Geräusch war plötzlich verstummt. Ich schüttelte nur den Kopf und tat es als Einbildung ab. Als ich meine Kaffeetasse an die Lippen setzte, ging plötzlich ein Ohrenbetäubendes Krachen durch das Gebäude, gefolgt von einem Kreischen, wie wenn Metall auf Metall reibt. Nun hatte es jeder gehört. Die Menschen blieben erschrocken stehen und sahen sich um. Wieder krachte es und nun wusste ich, wo das Geräusch herkam und sah zur Decke. Doch zu spät. Die Decke kam bereits auf mich zu und ich riss gerade noch die Hände schützend über meinen Kopf bevor es dunkel um mich wurde.

Als ich wieder zu mir kam, war es stickig. Die Luft war angefüllt von Rauch und Qualm. Es roch nach versengten Stromkabeln. Ich konnte nichts sehen. Dunkelheit umfing mich. Als ich versuchte, mich zu bewegen, stellte ich fest, dass ich zwischen irgendetwas eingekeilt war. Langsam tasteten meine Hände die Umgebung ab und fühlten ringsum nur Beton. Irgendwo ertönten Schreie. Gequälte Schreie und das Wimmern von Menschen, die große Schmerzen erleiden mussten.

Angst schnürte mir die Kehle zu und ich begann nach Luft zu ringen. Mein Körper verspannte sich und ich drückte mit meinen Händen, die das einzige waren, was ich wenigstens etwas bewegen konnte, gegen mein Gefängnis. Als ich die Sinnlosigkeit meines Tuns einsah, wurde ich plötzlich ruhig. Mein Atem wurde gleichmäßiger und ich bekam wieder Luft. Meine Sinne spannten sich und ich horchte auf das kleinste Geräusch. Die Schreie der Menschen waren schon vor einiger Zeit verstummt. Nur hier und da erklang noch ein entferntes Wimmern. Anna – Die Erkenntnis, dass meine Schwester hier irgendwo sein musste, traf mich wie ein Schlag. Sie saß mir genau gegenüber, als das Gebäude einstürzte. Also musste sie hier irgendwo sein. „Anna?“ versuchte ich zu rufen, doch es klang eher wie ein Krächzen. Ich hatte zu viel Staub eingeatmet und musste ein paar Mal kräftig husten. Dann ging es besser. „Anna? Bist du hier irgendwo?“ rief ich nun laut. „Anna! Melde dich, wo bist du?“ Immer wieder rief ich nach ihr und als ich schon fast aufgeben wollte, erklang unweit von mir ein Wimmern. „Anna?“ wiederholte ich noch einmal ihren Namen und hielt den Atem an, als ich gespannt auf eine Antwort wartete. „Sarah?“ ihre Stimme klang genauso belegt, wie meine noch vor wenigen Minuten. „Was ist passiert?“ fragte sie weinerlich. Tränen der Freude traten mir in die Augen und vermischten sich mit dem Schmutz auf meinem Gesicht, so dass sie in meinen Augen brannten. Ich zwinkerte ein paar Mal und schloss schließlich die Augen, da ich mit meinen Händen nicht an mein Gesicht kam. „Anna, das Gebäude ist eingestürzt.“ versuchte ich so ruhig wie möglich zu sagen. „Oh mein Gott!“ Es war mehr ein Flüstern, dass zu mir herüber drang, aber ich verstand es trotzdem. „Wie geht es dir? Bist du verletzt?“ fragte ich meine Schwester. „Ich weiß es nicht. Ich kann mich nicht bewegen und …“ nach einer Pause setzte sie hinzu „ich spüre meine Arme und Beine nicht.“ „Keine Angst. Das ist bestimmt nur der Schock, Anna.“ Meine Stimme zitterte, als ich versuchte, sie zu trösten. „Hast du Schmerzen?“ „Nein, ich spüre überhaupt nichts.“ antwortete sie und ihre Stimme klang trotz der Umstände sehr gefasst.

Ich weiß nicht, wie lange wir so da lagen. Eingeklemmt, begraben unter Tonnen von Beton in Dunkelheit und Stille, nur ab und zu durch unsere Versuche, uns gegenseitig Mut zuzusprechen, unterbrochen, als ich ein Geräusch vernahm. Es klang wie ein Scharren und dazu gesellten sich Laute, die ich nicht einordnen konnte. Sie klangen nicht menschlich. In diesem Augenblick war mir egal, ob es eine Ratte war, die versuchte, dem steinernen Gefängnis ebenfalls zu entkommen oder jemand, der nach uns suchte. Ich begann zu schreien: „He! Hallo! Hier sind wir! Bitte! Helft uns!“ Ich schrie solange, bis meine Stimme versagte, doch das Scharren und die Laute kamen zu meiner Erleichterung auch immer näher. Plötzlich erhellte ein Lichtstrahl meine dunkle Kammer. Etwas wurde hindurch geschoben und ich kann mich nicht erinnern, mich jemals so gefreut zu haben, als durch das Rohr eine männliche Stimme erklang, die mich aufforderte: „Verhalten sie sich bitte ruhig. Wir holen sie gleich hier raus.“ „Meine Schwester.“ rief ich so laut ich es mit meiner heiseren Stimme noch konnte. „Sie ist irgendwo in meiner Nähe. Bitte retten sie sie zuerst!“ Ich erhielt keine Antwort, hörte aber, wie über mir langsam Betonbrocken abgetragen wurden. „Anna?“ Sie hatte sich nicht mehr gemeldet, seit ich das Scharren vernommen hatte. „Anna!“ Ich rief immer wieder ihren Namen, so lange, bis über mir das Tageslicht erschien und ich geblendet die Augen schließen musste.

Später erfuhr ich, dass ein Rettungshund mich gefunden hatte. Sein Bellen und Scharren war es, das ich damals hörte.

Anna hat es nicht geschafft, aber ich bin dankbar, dass ich ihre Stimme noch einmal hören konnte. Ohne sie hätte ich vielleicht nicht durchgehalten.

    • André
    • August 19th, 2007

    wirklich gut geschrieben. bis zu dem moment wo du die namen der schwestern erwähnst habe ich wirklich überlegt ob im eiscafé im center neustadt ne gibsplatte von der decke abgefallen war, damals. das ende is schon hart aber gut. schöne sprachbilder… kurze knackige story. beim scharren des hundes musste ich sehr schmunzeln. werde mal noch ein bisl mehr lesen, frau “eisgebühr” :P

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