Es war grau und düster heute,…
…regnete fast den ganzen Tag. Als hätte der Himmel eine Ahnung. Das ganze Wochenende war ich zwischen Hoffen und Bangen, habe nur auf den Montag gewartet, auf den nächsten Anruf.
Wie mag es Dir ergangen sein? Dort, allein, in dieser Klinikbox? Allein mit deinem Elend. Mit dieser furchtbaren Halskrause, die du noch nie aufsetzen musstest. Zum ersten Mal so lange von mir getrennt?
Mein Zino. Es tut mir so unsagbar leid.
Als ich dich Donnerstag da lassen musste, hat es mir fast das Herz zerrissen. Ich habe die ganze Heimfahrt geweint. Immer dein Bild vor Augen. Wie du dort standest, stocksteif, mit gesenktem Kopf, den man nicht sah, wegen dieser Halskrause, die du ja brauchtest, damit du die Infusion nicht rausziehst. Wer weiß, ob du überhaupt noch die Kraft dazu gehabt hättest.
Mein Mausebärchen.
Freitag ein kurzer Lichtblick. Dein Allgemeinzustand sei besser. Du würdest besser laufen. Das Blutbild nicht. Man würde dich trotzdem dabehalten. Das hatte man ja schon angekündigt.
Samstag. Unverändert. Du frisst immer noch nicht und dabei hättest du für Futter einmal alles getan. Zum Schluß sah es aus, als ekelte es dich an.
Mein Kleiner.
Heute morgen wieder das zermürbende Warten bis ich anrufen konnte. Diesmal eine nette Ärztin. Dein Zustand sei unverändert. Eventuell hättest du versucht zu fressen. Es sei etwas Futter an deiner Halskrause. Man würde noch ein Blutbild machen. Vor dem Mittag sei nichts zu erfahren.
Deine Werte sind immer noch schlecht. Die Ärztin will nochmal mit dem Chef sprechen. Vielleicht könnte ich dich ja besuchen, obwohl das normalerweise nicht gern gesehen wird. Sie wird mich am Abend nochmal anrufen.
Gegen abend hetze ich nach Leipzig, damit ich es noch rechtzeitig schaffe. Ich darf dich besuchen. Soll mit dir rausgehen. Schauen, wie du dich gibst. Vielleicht vermisst du mich ja und bist deshalb so gedrückt.
Banges Warten bis ich endlich ins Untersuchungszimmer kann. Die Ärztin zeigt mir noch einmal deine Blutbilder. Die Werte sind immer noch so verdammt schlecht wie am Donnerstag.
Mein Baby.
Eine Arzthelferin führt dich hinein. Mit dieser beschissenen Halskrause. Du siehst furchtbar aus. Nur noch Haut und Knochen. Kein Schwanzwedeln. Nichts. Deinen Kopf legst du in meinen Schoß. Wie immer. Aber erkennst du mich überhaupt noch?
Ich darf mit dir raus. Du schaffst es kaum zur Tür, weil du musst. Beinchen heben draußen ist zu anstrengend. Nach einiger Zeit schaffen wir es auf die Wiese. Langsam. Du kannst dich ja kaum auf den Beinen halten.
Eine letzte Runde. Pinkeln, Häufchen machen. Da warst du immer schnell. Es regnet. Du willst wieder rein.
Kaum in der Box, lässt du dich auch schon zu Boden sinken. Es war so anstrengend für dich. Unfassbar. Noch vor einer Woche hast du deinen allerletzten Schutzdienst gemacht. 94 Punkte. Wie hast du das noch geschafft?
Mein kleiner Held.
Wir sprechen über dich. Du liegst da, den Kopf abgewandt auf deinen Vorderpfoten. Es zerreisst mir das Herz, dich so leiden zu sehen.
Eine verdammt schwere Entscheidung, die du mir da aufbürdest, aber ich bin sie dir ja schuldig, nicht? Du hättest doch alles für mich getan. Also muss ich dies auch für dich tun.
Natürlich will ich dabei sein. Auch das bin ich dir schuldig. In fremde Augen blicken in deinem letzten Moment? Nein. Das könnte ich mir nie verzeihen.
Wir bringen dich ins Besprechungszimmer.
Vorher muss ich noch deine Rechnung bezahlen. Verdammt teuer, aber was schert es mich. Ich hätte alles für dich gegeben. Die Schwester ruft für mich die Tierbestattung an. Ich kann jetzt nicht sprechen.
Ich lasse dich hinlegen. Ein letztes Kommando, eine letzte Bitte. Du hast sie stets befolgt, selbst im Flüsterton, oft, bevor ich sie überhaupt aussprach.
Mein kleiner Seelenverwandter.
Ich nehme deinen Kopf auf meinen Schoß und streichle dich. Dein immer noch wunderschönes, rotes Kuschelfell, auch, wenn jetzt die Knochen daraus hervorstechen.
Ich entschuldige mich bei dir, immer wieder. Es tut mir so furchtbar leid. Du bist doch erst 6. Wie kann das sein?
Die Ärztin setzt die Spritze an. Gleich ist es vorbei, Schätzchen. Dein Blick wird schon leer. Noch bist du warm. Ein letztes Streicheln. Ein letzter Kuss. Tränen auf deinem Fell. Ich versuche noch, deine immer so ausdrucksstarken, braunen Rehaugen zu schließen. Jetzt blicken sie ins Leere.
Tschüß, mein Mausel. Du wirst immer in meinem Herzen sein.


